Was ist Stress?

Stressreaktion – Ein Anpassungsmechanismus an Gefahren

Wo kommt Stress eigentlich her? Stress entsteht zu allererst in unserem Gehirn. Unser Gehirn ist evolutionstechnisch nicht gerade auf dem neuesten Stand. Man kann sagen, dieses Organ wurde für andere Anforderungen entwickelt, als wir sie heute in der modernen Welt täglich finden. Was war für unsere Steinzeit-Verwandten die wichtigste Aufgabe, die ihr Gehirn lösen musste? Sie mussten in einer feindlichen Umgebung überleben. Sie mussten täglich auf die Jagd gehen, um gefährliche Beute wie Mammuts zu erlegen. Gleichzeitig lauerte hinter jeder Ecke ein noch gefährlicherer Jäger, zB. ein Säbelzahntiger, von dem sie sich auf keinen Fall erwischen lassen durften. Man kann sich leicht vorstellen, dass unsere Steinzeit-Freunde ziemlich gestresst waren.

Die biologische Reaktion:

Das Gehirn hatte die Aufgabe sicherzustellen, dass der Körper unserer alten Verwandten bestmöglich auf diese Situationen vorbereitet war. Wie funktioniert so eine Vorbereitung auf ein Zusammentreffen mit einem Säbelzahntiger? In Erwartung von Gefahr wird die Herzfrequenz erhöht und die Atmung beschleunigt. Dadurch wird der Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Durch die höhere Sauerstoffaufnahme wird mehr Energie bereitgestellt. Gleichzeitig wird die Muskelspannung erhöht, um schneller reagieren (zuschlagen oder weglaufen) zu können. Die Blutgefäße werden erweitert, um mehr Adrenalin, das von der Nebennierenrinde ebenfalls vermehrt zur Verfügung gestellt wird, schneller durch den Körper zu transportieren. Die Verdauungstätigkeit wird minimiert, um nicht im falschen Moment aufs Klo zu müssen. Alles läuft darauf hinaus sich auf einen Kampf oder eine Flucht vorzubereiten und dabei möglichst viel Energie zur Verfügung zu haben. So wird die Chance zu überleben optimiert.

Sieht unser Steinzeit-Vorfahre dann tatsächlich einen Säbelzahntiger ist er bestens vorbereitet: Er kann mit vollem Tempo die Flucht ergreifen. Dabei werden Adrenalin und andere zur Verfügung gestellte Botenstoffe wie zB. Cortisol abgebaut. Der erhöhte Sauerstoffgehalt im Blut wird durch die Kraftanstrengung der Muskulatur verbraucht. Nach der Flucht gehen dadurch Herzfrequenz und Blutdruck auf ein normales Ausmaß zurück. Der Körper entspannt sich wieder, um Kraftreserven für die nächste Gefahrensituation zu sammeln. Dieser gesamte Ablauf im Inneren unseres Körpers passiert dabei autonom, ohne unser aktives Zutun. Er wird von Arealen im Gehirn gesteuert, die evolutionstechnisch schon sehr alt sind, und in denen diese automatischen Programme ablaufen.

Das ist es nun im Grunde, was Stress für uns ist:

Eine Anpassungsreaktion auf gefährliche Umstände, die wir in unserer Umwelt wahrnehmen. Dein Säbelzahntiger sitzt aber vermutlich nicht draußen hinter einem Busch und wartet, bis du vom Bus aussteigst um anzugreifen. Dein Säbelzahntiger sitzt vielleicht im Büro und wartet getarnt durch Deadlines und Arbeitsaufträge darauf zuzuschlagen. Der Körper kann das nicht wirklich unterscheiden. Für dein Steinzeit-Gehirn macht es keinen Unterschied, ob die Gefahr von einer großen Raubkatze ausgeht, oder ob die Gefahr darin besteht, eine Deadline nicht einhalten zu können. Es denkt sich nur „Alarm, Alarm!“

Die dann folgende körperliche Reaktion ist genau die gleiche, wie bei unserem Steinzeit-Freund. Mit einem Unterschied. Es kommt zu keiner körperlichen Flucht-Aktion – im Normalfall zumindest nicht. Dadurch wird die viele Energie die dein Körper freundlicherweise zur Verfügung stellt, nicht genutzt. Dein Körper bleibt in Alarmbereitschaft.

Was sind die Folgen?

Puls und Blutdruck bleiben über einen längeren Zeitraum unnatürlich hoch – wodurch die Blutgefäße übermäßig belastet werden und die Wahrscheinlichkeit von Herz-Kreislauferkrankungen erhöht wird. Adrenalin- und Cortisol-Spiegel bleiben hoch, was deine Stimmung negativ beeinflusst und dafür sorgt, dass du nicht gut einschlafen kannst. Cortisol kurbelt darüber hinaus die Insulinproduktion übermäßig an, was zu einer Erschöpfung der Kapazität der Bauchspeicheldrüse führen kann. Das erhöht das Risiko an Diabetes zu erkranken. Auch die Freisetzung von Sexualhormonen wird gedrosselt.[1] Ein dauerhaft erhöhter Cortisol-Spiegel kann sogar dazu führen, dass der Augeninnendruck ansteigt, was zu einer Beeinträchtigung der Sehleistung führen kann.

Die gleichen Abläufe passieren übrigens, wenn du vor dem Fernseher sitzt. Fernsehprogramme und Netflix-Serien sind absichtlich so gestaltet, dass sie die Steinzeit-Areale in deinem Gehirn ansprechen und fesseln, damit du nicht um- oder ausschaltest. Dein Körper kann wieder nicht unterscheiden, ob die Situation real oder nur am Bildschirm stattfindet. Er geht automatisch in Alarmbereitschaft.

Solche Situationen kommen nun normalerweise in Serie vor. Zuerst passiert Stress im Büro, dann kommst du heim und startest einen Serien-Marathon auf Netflix, dann streitest du dich mit dem nächsten Menschen der dir unterkommt. Dann stresst dich, dass du nicht einschlafen kannst. Am nächsten Tag das Ganze von vorne. Dein Körper passt sich an diesen Ablauf an. Die unnatürlich hohe Konzentration von Adrenalin und Cortisol wird vom Körper als das neue „Normal“ wahrgenommen. Die ständig erhöhte Muskelspannung ebenso – das wird von uns dann als Verspannung bemerkt. Die Verdauung funktioniert auch nicht mehr richtig, weil der Körper jederzeit bereit sein möchte, davon zu laufen. Jede neue Situation erhöht die Stressreaktion des Körpers, weil er von einem erhöhten „Normal“ ausgeht. Die Folge sind messbare körperliche Auswirkungen.

Was kann man dagegen tun?

Nun, zu allererst ist es wichtig zu erkennen, wie unser Körper auf vermeintlich gefährliche Situationen reagiert. Mit diesem Wissen über biologische Abläufe fällt es uns leichter stressige Situationen in ein richtiges Verhältnis zu setzen. Eine verpasste Deadline kann unangenehm sein, sie ist aber mit Sicherheit kein Todesurteil. Eine Begegnung mit einem Säbelzahntiger hingegen… Die kann doch leicht tödlich enden. Diesen Unterschied müssen wir unserem Steinzeit-Gehirn klar machen. Stresshormone im Körper können zusätzlich durch einfache Atemübungen und körperliche Aktivität abgebaut werden. Mehr dazu in folgenden Blogposts.

Wenn dir das Thema bekannt vorkommt, du selbst ähnliche Situationen kennst oder du einfach Feedback geben willst, dann lass mir doch bitte einen Kommentar da.

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[1] Wer es ganz genau wissen möchte kann die biologischen Stressreaktionen in den wissenschaftlichen Arbeiten von Hans Selye hier und hier nachlesen

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